Wildverbiss: mechanischer Baumschutz durch Wuchshüllen

Wildverbiss, oft schlimmer als Käfer & Co

Wildschaden können im Privatwald leicht zur wirtschaftlichen Katastrophe führen. Während Verbissschäden bei Besitzern von größeren Waldflächen entweder im Portfolio untergehen oder fachkundig verhindert werden, kann auf den meist kleinen Flächen eines Privatwald-Besitzers schnell die Zukunft eines ganzen Waldes nachhaltig „verbissen“ werden.

Besonders Rehe wählen ihre Äsung mit Vorliebe nach dem Stickstoffgehalt aus, der zum Beispiel in Knospen von Laubbäumen hoch ist. So kann entsprechend verteilter Wildverbiss ursprünglich gemischte Wälder in heutzutage unerwünschte Reinbestände verwandeln.

Verbissschäden treten überwiegend in jungen Beständen bzw. Naturverjüngungen auf. Äst das Wild an den Trieben junger Bäume, wird das Wachstum des Baumes substanziell gestört. Wiederholtes Verbeißen führt dazu, dass der Baum buschig und manchmal nur kniehoch wächst, quasi ein Bonsai dort, wo man ihn wirklich nicht haben will – im eigenen Wald.

Wenn die Jagd versagt

Leider ist in vielen Bereichen Deutschlands die Wilddichte inzwischen dermaßen hoch, dass die Verjüngung eines artenreichen Waldbestandes kaum noch zu gewährleisten ist. Wildschäden zu verhindern ist in erster Linie Aufgabe der Jagd. Aber bevor der Waldbesitzer den Jagdpächter andauernd zum erhöhten Abschuss drängt, oder sich, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, den entstandenen Schaden ersetzen läßt, sollte man das Heft lieber selbst in die Hand nehmen und seinen Wald proaktiv schützen. Denn auch eine gesteigerte Bejagung des Wildbestandes wird kaum dazu führen, dass gefährdete Naturverjüngungen oder Kulturen über Jahre hinweg verschont blieben.

Baumschutz als ökonomische und ökologische Notwenigkeit

Netzschutzhülle – Bild: Plantagard

Ob bei der Wiederbewaldung von Kalamitätsflächen oder beim Waldumbau von Monokulturen hin zu gesunden Mischwäldern, der Baumschutz ist in Zeiten zu hohen Wildbesatzes sowohl eine ökologische, als auch ökonomische Notwendigkeit. Die Schutzmaßnahmen gegen Wildverbiss werden grob unterteilt in:

  • Biologisch-/Chemischer Verbissschutz: streichbare Verbissschutzmittel mit Wirkstoffen wie Tierkörperfett oder tierischen Proteinen, diverse streichbare „repellente“ Schutzmittel u.a. auf Mineralienbasis, ätherischen Ölen, Fettsäuren, teilweise auch Sprays oder Duftsäulen.
  • Mechanischer Verbissschutz: Wildzaun bzw. Wildgatter als Schutz größerer Flächen, Einzäunung kleinerer Flächen, Einzelschutz durch Fege- und Verbissschutz-Manschetten und Wuchshüllen aus Kunststoff

Nachteile Wildzaun: Wildzäune rechnen sich fast nur noch bei größeren (Christbaum-)Kuturen. Denn nicht nur das Material und die Errichtung ist teuer. Bei einem Wildzaun ist über Jahre hinweg eine kontinuierliche Überwachung des gesamten Zaunes nötig. Eine einzige niedergedrückte Stelle reicht, um den Zaun zu überwinden. Vor allem nach Windwurf oder bei hohen Schwarzwildbeständen sind Wildzäune oft kaum wilddicht zu halten. Hier ist der Einzelschutz immer vorteilhafter. Zudem behindert ein Zaun nicht nur den Zugang des Wildes, sondern auch den des Waldbesitzers.

Vorteile Einzelschutz: Für den Privatwald-Besitzer eignet sich insbesondere der mechanische Einzelschutz ausgewählter Jungpflanzen, da er hier wenig falsch und viel richtig machen kann. Ohne größere Fachkenntnis und ohne größeren Werkzeugeinsatz lässt sich so ein wirksamer und kostengünstiger Schutz gegen den Wildverbiss aufbauen.

Praxisbeispiel: Baumschutz-Netzhülle

Im vorliegenden Praxisbeispiel handelt es sich um einen gut durchforsteten ca. 70jährigen Fichtenbestand, der am Boden bereits soviel Licht erhält, dass vereinzelt Buchen- und auch Eichenpflänzchen gedeihen. Allerdings ist der Verbissdruck immens. Im direkt angrenzenden etwa 30jährigen ungepflegten Fichtenbestand ist kaum ein Baum zu finden, der nicht geschält wurde. Und auch die sich selbst ausgesäten Buchenpflänzchen werden stark verbissen.

Hier ist der gezielte Einzelschutz wohl die kostengünstigste Methode, um das natürliche Potential des Waldes optimal zu nutzen. Im konkreten Praxisbeispiel hat sich der Waldbesitzer für Baumschutz-Netzhüllen aus Kunststoff entschieden. Die Gründe für diese Entscheidung:

  • Wirksamer Verbissschutz/Äsungsfläche bleibt erhalten: Der Verbissschutz war das zentrale Anliegen bei dieser Maßnahme. Aber anders als bei einem Wildzaun, der das Wildproblem nur nach ausserhalb verlagert, bleibt die Äsungsfläche voll erhalten. Bis auf die einzeln geschützten Bäume kann das Wild die Pflanzen rundherum äsen, soviel es möchte.
  • Schutz gegen Konkurrenz-Pflanzen/Artenvielfalt: Dadurch, dass die geschützten Pflanzen relativ sicher die „schwierige Jugend“ überstehen, müssen weniger Pflanzen je Hektar gepflanzt bzw. geschützt werden. Es bleibt genügend Raum für eine vielfältige Begleitflora, ein Vorteil für Ökologie und jagdliche Zielsetzungen. Die Chancen, dass ein echter Mischwald entsteht, werden erhöht. Auch der Verzicht auf intensive Schlagräumung und damit das Belassen von Totholz hat bedeutende Vorteile für die Ökologie.
  • Ideale Wuchsbedingungen: Gegenüber der einzelnen Einzäunung verbessern Wuchshüllen aus Kunststoff auch das Wachstum junger Pflanzen. Dadurch haben Wuchshüllen einen direkten Einfluss auf die Qualität sowie auf die Kosten der Aufforstung und Kulturpflege. Bei gepflanzten Jungbäumen verringert die Wuchshülle den Pflanzstress und führt zu hohen Anwuchsprozenten. Die Entscheidung fiel dabei bewusst zugunsten einer licht- und luftdurchlässigen Netzhülle, da hier die oft diskutierten Nachteile von mehr oder weniger geschlossenen Kunststoff-Wuchshüllen (Hitzestau, Kamineffekt, Treibhauseffekt, Behinderung Photosythese etc.) wegfallen. Baumschutzhüllen-Gitter und Baumschutzhüllen Gitternetze haben den Vorteil geringerer Klima- und Temperaturunterschiede zwischen innen und außen und eignen sich vor allem für Nadelgehölze, aber selbstverständlich auch für Laubgehölze. Ein typischer Vertreter der Laubgehölze, die besonders gut mit Hilfe von Gitterhüllen und Gitternetzhüllen gedeihen, ist die Buche.
  • Höhenwachstum: durch das verbesserte Mikroklima in Verbindung mit der Kanalisierung des Wuchses – der Baum kann nur in eine Richtung wachsen – ergibt sich eine verbesserte Wuchsleistung gegenüber ungeschützten Bäumen. Die Stämme sind zudem schön gerade und ideale Kandidaten für spätere Wertholz-Astung.
  • Auffindbarkeit: Nicht zu unterschätzen ist der Umsatnd, dass die geschützten Pflanzen in einer üppigen Begleitvegetation leichter aufgefunden werden können. So wird z.B. verhindert, dass beim Durchforsten unbeabsichtigt wichtige Jungpflanzen beschädigt werden, die später einmal den Bestand ausmachen sollen.

Vorgehensweise

Die Vorgehensweise bei der Anbringung der Netzschutzhüllen ist denkbar einfach.

Auswahl der Jungpflanze: ausgewählt werden sollten gesunde Jungpflanzen, die in sicherer Entfernung zur Rückegasse stehen. Bei einer Naturverjüngung sollte man sich nicht den Kopf zerbrechen, ob Licht-, Nährstoff-, und Wasserversorgung für die ausgewählte Pflanze optimal sind. Alleine der Fakt, dass sich die Jungpflanze dort selbst ausgesät hat und bisher offensichtlich schon gut gediehen ist, beweist dass es passt.Hinsichtlich der Anzahl zu schützender Pflanzen sollte man eher mehr als weniger schützen.

Ausgewählte Buchen-Jungpflanze – Bild: Wald-Prinz.de

Einschlagen des Stabes: Wenn der Untergrund nicht zu steinig/fest ist, sollte das Einschlagen des Stabes mit einem herkömmlichen Zimmermannshammer kein Problem sein. Die Position des Stabes sollte hangaufwärts sein und nicht zu weit weg von der Pflanze, sonst führt die Distanz zwischen Stamm und Stab schnell zu einer ungewollten Spannung der Hülle. Je nach Dimension der Haltestäbe können diese innerhalb (dünne Stäbe) oder außerhalb (Pfähle) der Hülle platziert werden. Der Stab sollte lieber etwas tiefer eingeschlagen werden, er soll schließlich über Jahre hinweg Halt gegenüber der Pflanze und „rempelndem“ Wild bieten.

Mit einer Gartenschere „getrimmte“ Jungpflanze + Tonkinstab – Bild: Wald-Prinz.de

Anbringen der Hülle: Da die Netzschutzhüllen flach gefaltet geliefert werden, sollten diese vor Anbringung einmal gegen die bestehende Faltung ein zweites Mal gefaltet werden. Dadurch entsteht eine quadratische Form. Bei den im Praxisbeispiel verwendeten 1,5-2,0 cm dicken Tonkin-Stäben bietet sich eine Positionierung der Haltestäbe innerhalb der Hülle an. Die aufgefalteten Netzhüllen werden einfach über den Stab gestülpt, die Pflanze wird dabei von unten vorsichtig eingeführt.

Mit Netzschutzhülle gegen Wildverbiss geschützte Buchenpflanze (Hülle noch nicht fixiert) – Bild: Wald-Prinz.de

Fixierung der Hülle: Die Hülle sollte auf jeden Fall am Haltestab fixiert werden, da ansonsten die Gefahr besteh, dass sie von der wachsenden Pflanze mit in die Höhe gezogen wird. Am schnellsten erfolgt die Fixierung mit kleinen Kabelbindern, die von der Größe her passend zum Durchmesser des Haltestabes gewählt werden.

Kosten, Zeitbedarf, Kritik

Kosten: Die reinen Materialkosten der vorgestellten Einzelschutzmaßnahme liegen bei insgesamt rund 2,00 Euro je Pflanze. Die Kosten der Netzschutzhülle liegen bei „Privatwald-üblichen“ Mengen (<500 Stück) bei rund 1,40 Euro/Hülle, der Tonkinstab kostet ca. 0,60 Euro/Stab.

Zeitaufwand: Nach einer gewissen Einarbeitungszeit geht das Anbringen der Hüllen recht schnell. Insgesamt dauert es rund zwei bis drei Minuten pro Pflanze. Die eigentliche Zeit geht für das (aus)suchen der Pflanzen und das hin- und hertragen der Materialien drauf. Aber ein Hektar Wald ist auch für den Hobby-Waldarbeiter bequem innerhalb von drei bis vier Stunden zu bewältigen.

Kritik: Ein Jahr nach der Maßnahme war die Begeisterung für die vorgestellten Netzschutzhüllen nicht mehr ganz so groß. Obwohl die Hüllen (Rollenware) entgegen die bestehende Faltung ein zweites mal gefaltet wurde, hat sich das Kunststoff-Material durchweg an seine ursprüngliche flache Form „erinnert“. In der Konsequenz schließen sich die Netzschutzhüllen nach oben hin und lassen von dort kein Licht mehr einfallen. Die geschützten Pflanzen sind entweder verkümmert oder haben sich anderweitig Luft verschafft, indem sie mit ihren Knospen durch die Hülle gestoßen sind und diese Triebe jetzt außerhalb der Hülle weiterwachsen.

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