Die Edelkastanie (Esskastanie) als Forstbaum: Standort, Pflege, Risiken und Holz
Die Römer brachten die Edelkastanie (Castanea sativa Mill.) vor 2000 Jahren zu uns. Die in Deutschland eher seltene Baumart ist an trockene und warme Klimabedingungen angepasst und gilt daher als Alternative zu Baumarten, die mit dem Klimawandel zunehmend Probleme bekommen. Grund genug, sich den „Baum des Jahres 2018“ einmal näher anzuschauen.
Inhaltsübersicht:
- Kleine Edelkastanien-Historie
- Edelkastanie oder Rosskastanie? So erkennt man sie
- Der ideale Edelkastanien-Standort
- Forstwirtschaftlich interessante Aspekte
- Die Risiken bei der forstlichen Nutzung
- Pflanzung und Pflege
- Die drei typischen Bewirtschaftungsformen
- Das Holz der Edelkastanie
- Bezugsquellen für Pflanzgut
- Fazit
Kleine Edelkastanien-Historie
Kind des Südens: Der natürliche Ursprung der Esskastanie lag wohl vor allem an den Hängen des Kaukasus. Die alten Griechen verbreiteten den nützlichen Baum im ganzen Mittelmeerraum, bei den Römern war die Esskastanie beliebter Proviant der Legionäre. In ihrem Gefolge überquerte der Baum dann auch die Alpen. Seit der Römerzeit wird die Edelkastanie am Oberrhein kultiviert.
Brot der Armen: Vom Mittelalter bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die stärkereichen Nussfrüchte der Edelkastanie in den Bergregionen Südeuropas das Hauptnahrungsmittel der Landbevölkerung, da der Baum anspruchsloser ist als z. B. Weizen. Ein großer Edelkastanienbaum mit 150 bis 200 kg Früchten konnte einen Menschen das Jahr über ernähren. Schon eine kleine Portion von 200 bis 300 Gramm ist sättigend (100 g = rund 200 kcal).
Im Weinanbaugebiet zuhause: In Deutschland liegen die Hauptvorkommen in Baden-Württemberg (knapp 3.300 ha, vor allem am Oberrhein und am Bodensee) und in Rheinland-Pfalz (knapp 3.200 ha). Schwerpunkt in Rheinland-Pfalz ist die Pfalz mit teils weitläufigen Esskastanienwäldern, dazu kommen Vorkommen an Nahe, Saar und Mosel. Darüber hinaus ist sie im westlichen Schwarzwald, im Odenwald, am unteren Main und im Taunus recht häufig. In den übrigen Bundesländern findet man sie fast nur als Park- oder Alleebaum. Im Hinblick auf die klimatische Entwicklung wird sich ihr potenzielles Verbreitungsgebiet aber wohl deutlich erweitern.
Edelkastanie oder Rosskastanie? So erkennt man sie
Nicht verwandt: Edelkastanie und Rosskastanie sind tatsächlich nicht miteinander verwandt! Die Edelkastanie gehört zur Familie der Buchengewächse, die Rosskastanie wie die Ahorne zu den Seifenbaumgewächsen.
Früchte: Die Ähnlichkeit der Früchte hat dazu geführt, dass beide Bäume Kastanien genannt werden, obwohl streng genommen nur die Edelkastanie zur Gattung Castanea gehört. Beide Bäume bilden Fruchtbecher („Igel“), die Edelkastanie mit feinen, scharfspitzigen Stacheln, die Rosskastanie mit dicken, weichen Stacheln. Im Innern bildet die Edelkastanie meist zwei bis drei Früchte, die Rosskastanie nur eine. Die Samen der Rosskastanie sind für Menschen ungenießbar.

Blätter: Die Edelkastanie lässt sich gut an den Blättern bzw. an den Blattansätzen von der Rosskastanie unterscheiden. Die Edelkastanie hat ein einfaches, am Rand grob gesägtes Blatt. Es ist 12 bis 20 Zentimeter lang und drei bis sechs Zentimeter breit, an der Blattbasis eher rundlich.

Die Rosskastanie hat hingegen ein handförmig zusammengesetztes Blatt aus fünf bis sieben Einzelblättern. Diese sind an der Basis keilförmig verschmälert.
Rinde: Die glatte Rinde der jungen Edelkastanie ist silbrig grau, die Borke älterer Bäume tendiert zu graubraun und bekommt tiefe, oft leicht gedrehte Längsrisse.
Blüten: Im Juni und Juli sind die mächtigen Bäume schon von Weitem an ihren bis zu 20 cm langen, hellgelben Blütenständen zu erkennen, und ihr charakteristischer, schwerer Duft liegt in der Luft.
Der ideale Edelkastanien-Standort
Als Südländerin ist die Esskastanie spätfrostempfindlich. Da sie aber erst im Juni blüht, gedeiht sie selbst im Norden Deutschlands, wie Bäume in Parks und Botanischen Gärten beweisen. Als Alleebaum findet man die Esskastanie sogar bis an den Niederrhein. Um regelmäßig reife Früchte hervorzubringen, braucht sie allerdings eine gewisse Jahres-Wärmemenge.
Regionale Verbreitung: In Deutschland wächst die Esskastanie vor allem in den milden Weinbaugebieten entlang des (Ober-)Rheins. Das größte Vorkommen in Baden-Württemberg findet sich in der Ortenau zwischen Baden-Baden und Offenburg. In Rheinland-Pfalz liegt der weitaus größte Teil im Pfälzerwald, kleinere Anteile im Moseltal, im oberrheinischen Tiefland und in der Rhein-Main-Ebene.

Im Reinbestand, auf etwa 700 Hektar, findet man die Edelkastanie dort in Höhen von 200 bis 300 m über NN vor allem auf den besseren Substraten des Buntsandsteins. Auf trockeneren und nährstoffärmeren Sanden kommt sie vorwiegend als Mischbaumart zur Kiefer vor.
Wärmeliebend: Die Jahresmitteltemperatur sollte zwischen 8 und 15 °C liegen, bei warmen Herbsten und mindestens sechs Monaten über +10 °C. Für eine gute Entwicklung benötigt sie eine Wärmesumme der Tagesmittelwerte von rund 3.600 Gradtagen.
Lichtliebend: Die Edelkastanie ist eine Lichtbaumart und wird umso lichtbedürftiger, je weiter es in den Norden geht.
Saure Böden liebend: Sie meidet kalkhaltige Böden, deshalb nennt man die Edelkastanie auch „kalkfliehend“. Sie wächst bevorzugt auf saurem Gestein oder auf Moränenschutt. Saure Böden erkennt man übrigens sehr gut an Zeigerpflanzen wie Besenheide, Weichem Honiggras, Kleinem Sauerampfer und Heidelbeere. Auf schweren, tonigen Böden gedeiht die Edelkastanie nicht, sehr gut geeignet sind dagegen phosphorreiche vulkanische Böden.
Wasserbedarf: Bei den Niederschlägen liebt die Edelkastanie das „gesunde Mittelmaß“: Gut entwickelt sie sich bei 600 bis 1.600 mm pro Jahr. Wichtig ist, wann im Jahr der Regen fällt. Eine verregnete Blütezeit im Juni verträgt sie schlecht. In dürregefährdeten Lagen und in Gebieten mit ausgeprägter Sommertrockenheit gedeiht sie nicht. Ebenso schlecht wächst sie auf staunassen Böden, die zudem die gefährliche Tintenkrankheit begünstigen (siehe unten).
Forstwirtschaftlich interessante Aspekte
Als Waldbesitzer ist man wahrscheinlich weniger an den Früchten als vielmehr an der Wuchsleistung und an der Holzqualität der Edelkastanie interessiert.
Wuchs und Alter: Die Edelkastanie wird zwischen 10 und 30 m hoch. Sie kann sehr dicke Stämme von weit über 1 m Durchmesser bilden und im Durchschnitt rund 200, in Ausnahmefällen 500 bis 600 Jahre alt werden. Im Bestand ist sie langschäftig, freistehend dagegen kurzschäftig mit wenigen starken Ästen und einer ausladenden Krone. Im hohen Alter kann der Stamm teilweise hohl werden, behält aber zunächst noch seine Festigkeit.
Rasantes Jugendwachstum: In jungen Jahren legt die Edelkastanie ein beeindruckendes Höhenwachstum von 50 bis 110 cm pro Jahr an den Tag, mit dem Höhepunkt um das neunte Lebensjahr. Danach flacht es früh ab: Ab etwa 50 Jahren liegt es unter 5 cm pro Jahr. Diese hohe Wuchsleistung und frühe Kulmination machen die Edelkastanie auch für Kurzumtriebsplantagen attraktiv.
Starker Holzzuwachs: Auf guten Standorten erreicht die Edelkastanie laufende Volumenzuwächse von 10 bis 13 m³ je Hektar und Jahr, im Niederwald bis zum Alter 17 sogar rund 17 m³. Bemerkenswert ist diese Leistung gerade auf nährstoffärmeren Standorten. Zieldurchmesser von 50 bis 60 cm (Wertholz) bzw. rund 40 cm (schwächeres Stammholz, Palisadenholz) sind in relativ kurzen Produktionszeiten von 35 bis 60 Jahren möglich.
Standfest: Das Wurzelsystem der Edelkastanie ist sehr kräftig ausgeprägt. Sie bildet eine Pfahlwurzel, die allerdings nicht sehr tief in den Boden eindringt, und relativ wenige, aber intensiv verzweigte Seitenwurzeln, die den Boden vertikal und horizontal gut erschließen. Das sorgt für eine gute Standfestigkeit.
Vitaler Stockausschlag: Im Stockausschlag zeigt die Edelkastanie ihr enormes Wuchspotenzial besonders eindrucksvoll. Stockausschläge können schon im ersten Jahr bis zu 2,5 Meter lang werden, was ihr eine außerordentliche Konkurrenzkraft verleiht. Zudem fruchtet sie häufig und verjüngt sich gut natürlich.
Bienenweide: Die Edelkastanie ist eine sehr gute Bienenweidepflanze. Die Blütezeit reicht von Anfang Juni bis Ende Juli. Kastanienhonig ist bernsteinfarben oder noch dunkler und kräftig-aromatisch.
Früchte: Freistehende Edelkastanien tragen ab einem Alter von etwa 10 bis 15 Jahren Früchte, im geschlossenen Bestand deutlich später. Je nach Region sagt man Kastanien, Keschtn, Keschde, Maronen oder Maroni zu ihnen. Wenn sie im Oktober reif sind, platzen die stacheligen Fruchtbecher auf und geben die Früchte frei. Kaum ein deutscher Weihnachtsmarkt verzichtet auf geröstete Maronen, und mit Maronen gefüllter Gänsebraten oder Maronenpüree gelten als winterliche Delikatessen.
Sortenvielfalt: Es gibt mehrere hundert Kastaniensorten, die meist nur kleinräumig angebaut werden und häufig an das Lokalklima angepasst sind. Allein in Frankreich sind über 700 Sorten registriert.
Die Risiken bei der forstlichen Nutzung
Die Edelkastanie ist allerdings auch einigen Produktionsrisiken ausgesetzt. Während man beim Kastanienrindenkrebs, der Gallwespe und der Tintenkrankheit nur begrenzt Einfluss hat, ist die Ringschäle vom Waldbesitzer recht gut zu managen.
Kastanienrindenkrebs
Edelkastanienrindenkrebs: Der Kastanienrindenkrebs (Cryphonectria parasitica), ein Schlauchpilz, wurde Ende der 1930er-Jahre aus Nordamerika nach Italien eingeschleppt. In Amerika hatte er zuvor den völligen Zusammenbruch der Bestände der Amerikanischen Kastanie verursacht. In Deutschland wurde er 1992 zunächst nur in wenigen Beständen in der Ortenau (Baden-Württemberg) und an der Südlichen Weinstraße (Rheinland-Pfalz) nachgewiesen. Die Pilzsporen gelangen durch kleine Wunden in die Bäume. Erste Anzeichen sind eingesunkene oder angeschwollene, oft rötlich verfärbte Rindenpartien und Risse in der Rinde. Später welken die Pflanzenteile oberhalb der Befallsstelle, und unterhalb bilden sich Wasserreiser. Welke Blätter im Sommer bzw. trockene, hängen gebliebene Blätter im Winter sind ein weithin sichtbares Symptom. Wie andere Bäume ist auch die Edelkastanie bei Trockenstress deutlich anfälliger.
Impfung: Bekämpft wird der Kastanienrindenkrebs biologisch mit sogenannten „hypovirulenten“ Pilzstämmen. In Italien und Frankreich entdeckte man in den 1950er-Jahren, dass manche Rindeninfektionen deutlich milder verlaufen und sogar verheilen. Ursache ist ein Virus (Cryphonectria Hypovirus 1), das den Pilz schwächt: Er wächst langsamer, bildet weniger Sporen, und das Kambium wird nicht abgetötet. Es treten lediglich oberflächliche Krebserscheinungen auf, die wieder ausheilen. Deshalb „impft“ man befallene Bäume mit solchen hypovirulenten Stämmen, vor allem in Frankreich, Ungarn, Griechenland, der Slowakei und der Schweiz.
Natürliche Hypovirulenz: Während in Rheinland-Pfalz bisher keine natürliche Hypovirulenz nachgewiesen werden konnte, scheint sie sich in den Kastanienbeständen in Baden-Württemberg auf natürliche Weise zu übertragen und auszubreiten.
Edelkastanien-Gallwespe
Neuer Schädling aus Asien: Die Edelkastanien-Gallwespe (Dryocosmus kuriphilus) stammt aus China und wurde 2002 erstmals in Europa (Piemont, Italien) gefunden. In Deutschland ist sie seit Juni 2013 offiziell nachgewiesen, zuerst in Waldbeständen bei Mannheim. Inzwischen sind vor allem Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz betroffen. Verbreitet wird sie hauptsächlich über den Handel mit befallenen Jungpflanzen.
Schadbild: Die winzige Wespe legt ihre Eier in die Knospen. Im Frühjahr bilden sich an Blättern, Trieben und Blütenständen auffällige grüne bis rötliche Gallen. Die befallenen Teile vertrocknen, bei starkem Befall verliert der Baum bis zu 70 % seiner Blattfläche. Zuwachs und Fruchtertrag gehen deutlich zurück, und wiederholter Befall zehrt die Reserven auf. Kritisch wird es vor allem in Kombination mit Trockenheit oder dem Rindenkrebs, der über die Gallenwunden eindringen kann.
Hoffnungsträger Schlupfwespe: Gegenspieler ist die ebenfalls aus Asien stammende Schlupfwespe Torymus sinensis. In Italien und Frankreich wurde sie ab 2005 gezielt ausgebracht, in die Südschweiz ist sie 2013 von selbst eingewandert. Dort haben sich die Kastanien seither deutlich erholt. Fachleute erwarten, dass sie sich auch in Deutschland natürlich ausbreitet.
Tintenkrankheit
Gefahr aus dem Boden: Die Tintenkrankheit wird von den bodenbürtigen Erregern Phytophthora cinnamomi und Phytophthora × cambivora verursacht, sogenannten Eipilzen. Ihren Namen hat sie vom schwarzbraunen Saft, der am Stammfuß austritt. Unter der Rinde ziehen sich schwarze, flammenförmige Verfärbungen von den Wurzeln aufwärts, die Krone wird schütter, die Blätter bleiben klein und vergilben. Befallene Bäume sterben meist innerhalb von zwei bis drei Jahren ab und treiben nicht mehr vom Stock aus.
Was hilft: Begünstigt wird die Krankheit durch nasse, schlecht drainierte Böden, Starkregen und milde Winter. Ein befallener Standort lässt sich nicht mehr sanieren, die Ausbreitung aber bremsen: keine Pflanzung auf staunassen Böden, keine Erde von befallenen Flächen verschleppen (Schuhe, Werkzeug, Maschinen) und Pflanzen nur aus nachweislich gesunden Baumschulen beziehen.
Ringschäle
Spannungen im Holz: Die sogenannte Ringschäle ist das Resultat inhomogener Spannungen im Stamm der Edelkastanie: Entlang der Jahrringe reißt das Holz auf. Etwa jeder dritte Baum über 45 cm Brusthöhendurchmesser ist von diesen Ringrissen betroffen, die zu einer enormen Wertminderung führen können. Die Studie „Ursachenanalyse der Ringschäle bei Edelkastanie (Castanea sativa Mill.) in Rheinland-Pfalz“ (Husmann, Saborowski, Hapla) stellt insbesondere einen Zusammenhang her zwischen Freistellungs- bzw. Durchforstungsmaßnahmen in den verschiedenen Lebensabschnitten und dem Auftreten der Ringschäle. Ihr Fazit: Lieber einen geringeren Holzzuwachs in Kauf nehmen, dafür aber im Erntealter von 60 Jahren von einer höheren Stammholzqualität profitieren.
Homogene Zuwächse anstreben: Edelkastanien mit annähernd gleichmäßigen Zuwächsen sind weniger von Ringschäle betroffen als Bäume mit sprunghaften Wachstumsunterschieden in aufeinanderfolgenden Jahren. Denn die Ringschäle tritt vor allem dort auf, wo die Breite benachbarter Jahrringe stark schwankt. Auf Wachstumsschwankungen durch die Witterung hat man keinen Einfluss, auf solche durch Durchforstung bzw. Freistellung hingegen schon.
Vorsicht in den ersten 20 bis 25 Jahren: In dieser Phase sind das Wachstumsniveau, aber auch die Wachstumsschwankungen am höchsten. Wird jetzt zu stark freigestellt, entstehen extrem breite Jahrringe. Auf den ersten Blick ein toller Holzzuwachs, doch diese sprunghaften Wachstumsunterschiede führen zu Spannungen im Holz, die sich später in der Ringschäle entladen. Die Empfehlung der Studie lautet daher, junge Edelkastanienbestände in den ersten 20 bis 25 Jahren nicht sprunghaft stark freizustellen.
Nach 30 Jahren ist der Zuwachstrend der Edelkastanie rückläufig. Jetzt kann man relativ gefahrlos auch stärkere Durchforstungen durchführen, um einen maximalen Volumenzuwachs zu unterstützen. Nach 40 Jahren ist die Reaktionsfähigkeit so gering, dass man mit einer Freistellung ohnehin keine Wachstumsschübe mehr erreicht.
Pflanzung und Pflege
Pflanzenpass: Pflanz- und Saatgut der Edelkastanie darf nur mit einem Pflanzenpass gehandelt und transportiert werden, der unter anderem die Freiheit von Kastanienrindenkrebs und Gallwespe bestätigt.
Pflanzverband: Die Pflanzverbände entsprechen denen anderer Edellaubbäume (2.000 bis 3.500 Bäume je Hektar). Ein Verbissschutz ist unerlässlich (besser Netz als Wuchshülle), ein Fegeschutz ist anzuraten. Die Mischung mit anderen Edellaubbaumarten wie Kirsche, Ahorn oder Roteiche ist möglich, ein Unterstand aus Schattbaumarten (Buche, Hainbuche, Linde) notwendig.
Wertastung: Die Edelkastanie zeigt besonders in der Jugend (unter 25 Jahren) eine sehr schnelle natürliche Astreinigung. Zur Wertholzproduktion ist deshalb in Reinbeständen in der Regel keine Ästung notwendig. In Mischbeständen wird eine kombinierte Trocken- und Grünästung zum Zeitpunkt der Z-Baum-Auswahl empfohlen. Die Zukunftsbäume werden auf etwa 6 bis 7 Meter geastet. Mit 60 bis 80 Z-Bäumen je Hektar lässt sich astfreies Wertholz mit 50 bis 60 cm Durchmesser in Produktionszeiten von etwa 60 Jahren erzielen, bei einem Zieldurchmesser von 40 cm reichen bis zu 120 Z-Bäume.
Konsequent freistellen – aber gleichmäßig! Bei der Edelkastanie als Forstbaum gilt: früh, regelmäßig und in gleichmäßigen Schritten durchforsten. Denn nur bis zum Alter von etwa 20 Jahren bestehen gute Möglichkeiten zum Kronenausbau. Wird diese Jugendphase nicht genutzt, lässt sich die Krone später (über 30 Jahre) wegen des rasch nachlassenden Höhenwachstums kaum noch entwickeln. Wird die Edelkastanie dagegen alle zwei bis vier Jahre moderat freigestellt, entstehen gleichmäßig breite Jahrringe von über 4 mm, und die gefürchtete Ringschäle lässt sich weitgehend vermeiden. Entscheidend ist also nicht der einzelne starke Eingriff, sondern ein konstantes Wachstum.
Die drei typischen Bewirtschaftungsformen
Niederwald für Weinbau und Energieholz: Wie die Robinie besitzt die Edelkastanie ein sehr vitales Stockausschlagsvermögen und eignet sich daher gut für den Niederwaldbetrieb. Dabei wird sie nach kurzer Umtriebszeit dicht über dem Boden abgehauen und erneuert sich aus dem Stock, der Wald wirkt buschartig. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war der Niederwald die Hauptbewirtschaftungsform für die Edelkastanie. Gewonnen wurden neben Pfählen vor allem Gerbrinde und Brennholz.
Hochwald für Wertholz: Bei konsequenter Bestandespflege liefert die Edelkastanie gesuchtes Wertholz. Auf guten Standorten fallen schon ab einem Alter von 60 Jahren erntereife Bäume mit über 60 cm Brusthöhendurchmesser an. Gutes Wertholz für Schnittholz oder Furnier kann 500 Euro je Festmeter und mehr erzielen, stärkeres Stammholz 150 bis 300 Euro, schwaches Holz 60 bis 80 Euro je Festmeter (Stand 2018).
Selven für Früchte: Eine Selve ist ein Fruchthain aus gepfropften Bäumen mit kurzem Stamm und großer, tief ansetzender Krone. Das Hauptprodukt ist die Frucht, die Dichte beträgt häufig 80 bis 100 Bäume je Hektar. In modernen Plantagen sind die Bäume relativ niedrig, in den traditionellen Selven wie im Tessin oder auf Korsika stehen hohe Bäume, zwischen denen Vieh weidet.
Das Holz der Edelkastanie
Optik: Das Holz der Edelkastanie ist in Farbe und Struktur dem Eichenholz ähnlich, der Braunton ist aber milder. Anders als der Eiche fehlen ihm die breiten Holzstrahlen („Spiegel“), die Maserung ist daher ruhiger.
Dauerhaft auch ohne Behandlung: Dank des hohen Gerbsäuregehalts (Tannin) ist das Kernholz der Edelkastanie äußerst witterungsbeständig und resistent gegen Pilzbefall und Insektenfraß. Nach der Norm EN 350 gehört es wie die Eiche zur Dauerhaftigkeitsklasse 2 („dauerhaft“), übertroffen unter den heimischen Hölzern nur von der Robinie. Im Freien hält unbehandeltes Kastanienholz bis zu 20 Jahre und länger.
Gut zu bearbeiten: Kastanienholz lässt sich gut bearbeiten und zeigt eine schöne Jahrringzeichnung. Da der Faserverlauf meist gerade ist, lässt es sich zudem verhältnismäßig gut biegen. Es nimmt Politur, Beizen, Lack und Farbe gut an, und die Oberflächen bleiben auch bei starker Belastung glatt und fest.
Hohe Passgenauigkeit: Kastanienholz arbeitet wenig: Es quillt und schwindet weniger als viele andere Hölzer und verzieht sich bei schwankender Luftfeuchtigkeit kaum. Fenster, Türen oder Möbel aus Kastanie bleiben deshalb über Jahre maßhaltig.
Verwendung: Passend zu den Vorkommen in den Weinbauregionen eignet sich Kastanienholz besonders als Pfahl- und Spalierholz, das den Weinreben Halt gibt. Im sogenannten Kammertbau wurden ganze Rebgerüste daraus errichtet. An der Alpensüdseite, wo die Edelkastanie seit Jahrtausenden heimisch ist, wird ihr Holz beim Hausbau, im Rebbau, für Fenster und Möbel verwendet. Edelkastanie dient als Konstruktionsholz für Innen- und Außenbau sowie im Wasser- und Schiffsbau, als Furnier, für Verkleidungen, als Parkett und als Fassdaubenholz.
Lawinenverbauungen: An der Forstlichen Fakultät der Universität München stieß man bei der Suche nach Alternativen für Lawinenverbauungen in den Alpen auf die Edelkastanie. Bis dahin hatte man in den nördlichen Alpen kesseldruckimprägnierte Nadelhölzer verwendet. Im Tessin fand man dagegen Schutzbauwerke aus unbehandeltem Kastanienholz, die 20 Jahre und länger ihre Funktion erfüllten, ohne die sensiblen Ökosysteme der Hochalpen mit Schadstoffen zu belasten.
Brennholz: Wegen ihres hohen Zuwachses war die Edelkastanie immer auch eine wichtige ortsnahe Brennholzquelle. Zudem gehen oft nur 30 bis 50 % des stärkeren Holzes ins Sägewerk, der Rest wird als Brennholz vermarktet. Der Brennwert entspricht etwa dem von Eichenholz. Wegen ihres Gerbstoffgehalts sollte man Kastanienholz allerdings gut durchtrocknen lassen; im offenen Kamin neigt es zum Funkenflug.
Bezugsquellen für Pflanzgut
Forstliches Vermehrungsgut: Die Edelkastanie unterliegt dem Forstvermehrungsgutgesetz (FoVG). Für den Wald darf man nur Pflanzen und Saatgut aus zugelassenen Herkünften verwenden. Deutschland ist für die Edelkastanie in zwei Herkunftsgebiete eingeteilt: 808 01 „Norddeutsches Tiefland“ und 808 02 „Übriges Bundesgebiet“. Welche Herkunft für Ihren Standort empfohlen wird, steht in den Herkunftsempfehlungen Ihres Bundeslandes.
- Kaufen Sie bei forstlichen Baumschulen und lassen Sie sich Lieferschein bzw. Stammzertifikat mit Herkunftsgebiet sowie den Pflanzenpass geben.
- Gepfropfte Fruchtsorten aus Obstbaumschulen sind für Garten und Selve gedacht, nicht für die Holzproduktion im Wald.
- Fragen Sie vor der Pflanzung beim zuständigen Forstamt nach: Viele Länder fördern klimastabile Mischbestände, oft aber nur mit Pflanzgut aus empfohlenen Herkünften.
- Achten Sie auf gesunde Pflanzen ohne Gallen an Knospen und Blättern und ohne eingesunkene Rindenstellen.
Fazit
Die Edelkastanie ist eine echte Option für den Wald im Klimawandel: wärmeliebend, schnellwüchsig, mit wertvollem, dauerhaftem Holz und einem enormen Stockausschlagsvermögen. Sie passt aber nicht überall hin. Gut geeignet sind milde, saure und gut durchlässige Standorte ohne Staunässe und ohne ausgeprägte Sommertrockenheit. Wer auf Wertholz setzt, muss die jungen Bestände früh und vor allem gleichmäßig pflegen, um die Ringschäle zu vermeiden. Und wer pflanzt, sollte auf geprüfte Herkünfte und gesundes Pflanzgut achten, denn mit Rindenkrebs, Gallwespe und Tintenkrankheit hat die Edelkastanie gleich drei ernstzunehmende Gegenspieler.
Quellen
- Coker, A.-K.; Karopka, M. (2018): Die Edelkastanie – Baum des Jahres 2018. FVA Baden-Württemberg, FVA-einblick 1/2018, waldwissen.net
- Hein, S. et al. (2013): Waldbau mit der Edelkastanie. FVA Baden-Württemberg, FVA-einblick 3/2013, waldwissen.net
- LWF Bayern: Krankheiten und Schädlinge der Edelkastanie. LWF Wissen 81, PDF
- Schumacher, J. (2013): Die Japanische Esskastanien-Gallwespe. FVA Baden-Württemberg, waldwissen.net
- Auf der Maur, B. et al. (2022): Tintenkrankheit der Edelkastanie. WSL, waldwissen.net
- Husmann, K.; Saborowski, J.; Hapla, F.: Ursachenanalyse der Ringschäle bei Edelkastanie (Castanea sativa Mill.) in Rheinland-Pfalz.







